Dauerfresser Pferd
In den Jahrmillionen bevor das Pferd vom Menschen domestiziert wurde, hat sich sein Organismus an ein bestimmtes Nahrungsspektrum evolutionär angepasst, das vor allem aus frischen oder abgestorbenen faserigen Pflanzen bestand und in kleinen Portionen aufgenommen wurde. Alle Verdauungsorgane waren so eingerichtet, dass bei Aufnahme und Verzehr von Gräsern und Steppenkräutern einschließlich deren Samen der Normalbedarf an Nährstoffen gedeckt wurde. Dadurch waren die Pferde in der Regel bis zu 18 Stunden mit der Nahrungsaufnahme beschäftigt. Fresspausen wurden nach eigenen Bedürfnissen eingelegt.Unter solchen Fütterungsbedingungen waren Störungen im Verdauungskanal selten, auch wenn die Pferde plötzlichen Witterungsumschlägen oder Parasiten ausgesetzt waren.
Die heutige intensive Nutzung des Pferdes zwingt uns zu einer anderen Futterauswahl. Der zunehmende Energiebedarf kann nicht mehr allein über Rauhfutter und Gras abgedeckt werden, denn die Leistungsfähigkeit wird durch ein einseitiges voluminöses Futter eingeschränkt. Allerdings sollte bei Fragen der Fütterung besonders die Herkunft des Pferdes aus der Steppe bedacht werden. Gras und Kräuter in frischer wie getrockneter Form als Heu sollten die Basis jeder Pferdeernährung bilden.
Leider ist das beim nicht immer der Fall. Die schwierige Beschaffung, der hohe Raumbedarf für die Lagerung, die ungleichmäßige Qualität sowie die vermehrte Staubbelastung führen zu einem immer geringer werdenden Einsatz. Das wiederum führt häufig zu Störungen des Verdauungstraktes und zu Zahnschäden. Bei zu geringer Rauhfutteraufnahme können sich Zahnhaken bilden. Infolge ungenügender Kauintensität kommt es zu Schlundverstopfungen, zu Fehlgärungen im Magen bzw. Dünndarm und im schlimmsten Fall zu Koliken. Eine Umfrage bei verschiedenen Pferdkliniken in der Umgebung ergab, dass fast 50% der Koliken auf Fütterungsfehler zurückzuführen sind.
Desweiteren werden Untugenden wie Koppen, Benagen der Stallwände und die vermehrte Aufnahme der Einstreu gefördert. Ratsam ist, Pferden ohne Weidegang täglich mind. 1 kg – 1,5 kg Rauhfutter mit kaufähiger Rohfaserstruktur (primär Heu) je 100 kg Körpergewicht zu füttern. Bei Fütterung von Heulage als alleinigem Rauhfutter sind etwa 2 kg je 100 kg KGW anzusetzen. Geht man davon aus, dass ein Pferd rund 45 Minuten Fresszeit für ein Kilo Heu benötigt, ist je nach Struktur des Futters ein normal schweres Warmblut (ca. 500 kg KGW) mit diesem Rauhfutter als Grundfutter rund 4 – 5 Stunden pro Tag beschäftigt. Bekommt es dann noch die üblichen zwei Krippenfutterrationen haben wir eine Gesamtfresszeit von max. 6 Stunden täglich. Im Vergleich zu 18 Stunden ist das ganz schön wenig.
Auf alle Fälle muß bei der Fütterung der relativ kleine Magen des Pferdes bedacht werden. Das Fassungsvermögen beträgt ca. 8 – 15 l. Der gesamte Verdauungskanal ist auf die kontinuierliche Aufnahme von kleinen Futtermengen eingestellt. Das bedeutet, dass ein Pferd nicht in der Lage ist, in kurzer Zeit Unmengen zu fressen. Bei Kraftfuttergaben verdienen diese biologischen Verhältnisse Berücksichtigung. Pro Mahlzeit sollten nicht mehr als 0,4 bis 0,5 kg Kraftfutter pro 100 kg LM zugeteilt werden, um Verdauungsstörungen im Magen, Dünn- und Dickdarm zu vermeiden.
Fresszeiten und Speichelbildung:
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1 kg Heu | 1 kg Hafer |
| Fresszeit | 45 Minuten | 10 Minuten |
| Speichel | 5 Liter | 1 Liter |
Futteraufnahme und Verdauung:
Mit Hilfe von Lippen, Zähnen und Zunge nimmt das Pferd das Futter
auf. Durch eine Seitwärts-Mahlbewegung der Backenzähne wird die Nahrung
von der Zunge abwechselnd zu den beiden Kieferseiten zum Kauen
verschoben. Bei diesem Vorgang wird das Futter vermahlen und
eingespeichelt. Sind die Zähne aufgrund ungenügender Rauhfuttergabe
nicht in Ordnung, wird die Anzahl der Kaubewegungen reduziert und das
Futter nicht genügend eingespeichelt. Das kann zu Schlundverstopfungen
führen.
Der eingespeichelte Speisebrei wird durch die Speiseröhre
abgeschluckt und gelangt in den Magen. Hier werden leicht zugängliche
Kohlenhydrate wie Zucker und Stärke abgebaut. Im Magenfundus wird
Magensaft gebildet der Pepsin und Salzsäure enthält. Durch Vermischen
des Futterbreis mit dem sauren Magensaft wird der pH-Wert gesenkt und
damit die bakterielle Tätigkeit eingeschränkt. Intensiv eingespeicheltes
Futter (Rauhfutter) wird schneller transportiert als konzentrierte
Futtermittel. Dadurch kann sich der Magen schneller entleeren. Nach
größeren Mengen Krippenfutter ist der Magen temporär stärker gefüllt,
die Entleerung geht langsamer vonstatten. Es besteht die Gefahr einer
Magenüberladung. Schwerverdauliches, gärendes oder quellendes Futter
kann leicht zu schweren Koliken führen, da das Pferd durch einen dichten
Verschluß des Mageneingangs weder aufstoßen noch erbrechen kann.
In
den anschließenden Dünndarm, der ca. 16 – 24m lang ist und in
Zwölffingerdarm, Leerdarm und Hüftdarm unterteilt wird, münden die
Enzyme der Bauchspeicheldrüse und die Gallenflüssigkeit. Diese enthält
neben Enzymen hohe Mengen an Alkalien, die zur Neutralisierung des
sauren Mageninhalts dienen. Der pH-Wert steigt wieder an. Im Dünndarm
findet die Verdauung der meisten Nährstoffe statt. In den Schleimhäuten
befinden sich Drüsen, die die notwendigen Darmsäfte produzieren. Zucker,
Stärke, Eiweiß und Fett werden im Dünndarm abgebaut und absorbiert.
Über die Darmzotten gelangen die Nährstoffe dann ins Blut. Zu hohe
Kraftfutteranteile können hier zu Verdauungsstörungen und Durchfällen
führen. Bei zu großen Mengen an stärkereichem Kraftfutter, können die
pH-Werte infolge starker Milchsäurebildung abfallen und es entstehen
Schäden an der Schleimhaut.
Der Dickdarm setzt sich aus verschiedenen Abteilungen zusammen:
Der Blinddarm und der größte Teil des Grimmdarms sind Gärkammern,
in denen unter optimalen Wärme- und Feuchtigkeitsverhältnissen eine sehr
große Zahl von Bakterien und Mikroben die rohfaserhaltigen
Futterbestandteile zerlegen. Die aus dem Zelluloseabbau entstehenden
flüchtigen Fettsäuren werden sofort von der Darmwand resorbiert. Die
Mikroorganismen sind zudem in der Lage, die B-Vitamine und das Vitamin K
zu bilden.
Wenn ein Pferd zuviel Kraftfutter bekommt, können die
leicht löslichen Kohlenhydrate und das Eiweiß nicht vollständig verdaut
werden. Im Blinddarm kann es dadurch zu Fehlgärungen und einer
Übersäuerung kommen. Als Folge können Koliken oder Hufrehe entstehen.
Wird
zuwenig Rauhfutter gereicht, können sich die nötigen Darmbakterien
nicht ausreichend vermehren. Die Verdauung kommt zum Erliegen, die Folge
ist anhaltende Verstopfung.
Im letzten Teil des
Verdauungstraktes, dem kleinen Grimmdarm und dem Mastdarm, wird der
Darminhalt durch Wasserabsorption mehr oder weniger stark eingedickt.
Über die tiefen taschenartigen Ausbuchtungen des kleinen Grimmdarms
werden die Kotballen geformt und nach Passage des Mastdarms nach außen
abgegeben. Bei normal gefütterten Pferden erfolgt der Kotabsatz alle
zwei bis vier Stunden. Beschaffenheit, Farbe und Geruch des Kotes geben
deutliche Signale über den Gesundheitszustand des Pferdes. Ist die
Verweildauer der Nahrung im Körper zu gering, wird der Kot breiig und
feucht und es kann zu Durchfall kommen. Trockener, fester und heller Kot
deutet auf eine zu hohe Aufnahme von Stroh oder auf Wassermangel hin,
der zu Verstopfungen führen kann.
Folgende Grundsätze bei der Fütterung sollten unbedingt beachtet werden:
- mind. 3x pro Tag, besser 4 – 6 x pro Tag Grundfutter geben
- zuerst Grundfutter (Heu, Silage, Stroh) danach Kraftfutter
- mind. 1 kg, besser 1,5 kg Rauhfutter pro 100 kg Lebendmasse
- kein verschimmeltes Futter
- kleine Mengen an Kraftfutter (max. 0,4 – 0,5 kg pro 100 kg LM)
- quellende Futtermittel ausreichend einweichen
- Ruhe nach dem Füttern, mind. 2 – 3 Stunden
Die optimale Fütterung ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für ein gesundes und langes Pferdeleben.